Vor ein paar Jahren habe ich von einem damaligen Kollegen einige alte Scheibenweltbücher übernommen. Der Kollege brauchte Platz, ich ich habe ihm die Bücher abgenommen, die ich noch nicht hatte (obwohl ich sie schon gelesen habe).
Darunter auch eine englische Ausgabe von The Truth aus dem Jahr 2001. Neulich habe ich dieses Buch noch einmal gelesen. Auf der letzten Seite war noch eine Anzeige für „the discworld fanzine The Wizard's Knob“. Das schien ein gedrucktes Werk zu sein, jedenfalls sollte man dafür der Autorin einen Briefumschlag zuschicken.
Viel interessanter ist, dass darunter auch eine Web-Adresse steht: 'http://fly.to/discworld'. Nun, das ist interessant. 2001 war, was das Web anging, eine andere Welt. Die Dotcom-Blase war im Jahr davor geplatzt. Das Web war trotzdem immer noch neu und shiny, und mit der geplatzten Investitionsblase war der Hype-Zyklus vermutlich gerade irgendwo zwischen dem „Tal der Enttäuschung“ und dem „Plateau der Produktivität“. Das Web war nicht mehr komplett jung und unschuldig, aber es war eine Zeit vor den sozialen Medien, bevor große Konzerne den größten Teil des Internets beherrschten (es war auch eine Zeit, in der mit HTTPS gesicherte Verbindung eine absolute Seltenheit waren).
fly.to
war damals, so wie es aussieht, ein URL-shortener. http:/fly.to/discworld
leitete auf diese GeoCities-Seite weiter.
GeoCities war damals ein Freehoster, wo man kostenlos (statische) Websites hochladen konnte. Wie gesagt, das war vor Facebook, und auch noch vor Myspace. Wenn man günstig eine eigene Website haben wollte, ging man halt zu GeoCities. Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen romantisierend, aber damals gab es mehr (auch technisch nicht so versierte Leute), die sich einfach mal eine eigene Website gebastelt haben. Heute gehen halt alle zu einem der großen Anbieter, machen sich da einen Account, laden ihren Krams hoch. Das ist bequemer, hat aber nicht den Charme einer selbst zusammengeschusteter Website.
Die Qualität der Websites auf GeoCities war dementsprechend durchwachsen. Ein Klassiker war ein gelb-schwarzes „this site is under construction“-Banner, dass auf vielen Seiten zeitweise (auf manchen auch dauerhaft) zu sehen war. Das Webdesign war… naja, das Webdesign des frühen Internets halt. Und GeoCities halt halt auf den Seiten Werbung eingeblendet, um das ganze zu finanzieren (das war noch die alte Internetwerbung, nicht personalisiert).
Die Scheibenweltseite hat kein „under construction“-Banner. Allerdings ist das Design ziemlich genau das, was man vom Web in dieser Zeit erwarten würde. gekachelte Hintergrundbilder, komisches Layout (schaut es euch an!), eine Landing-page die nicht viel aussagt, aber Terry Pratchett auf einem Motorrad zeigt und ansonsten nur einen Link zum eigentlichen Inhalt anbietet.
Die Seite ist eine umfangreiche Fanpage zur Scheibenwelt im Speziellen und zu Terry Pratchett im Allgemeinen. In mir persönlich weckt sie Nostalgie. Damals habe ich selber gerade angefangen, im Web zu surfen (gefühlt recht spät, muss ich sagen). Das Web war ein anderes damals. Viel davon ist natürlich durch die Nostalgiebrille verklärt, aber es gab wirklich einige Aspekte, die schöner waren. Zum Beispiel viel mehr kleine Fanseiten wie diese (von denen einige auch auf der Seite verlinkt sind). Weniger riesige Techkonzerne, die den größten Teil des Internets kontrollieren.
Davon geblieben ist nicht viel. GeoCities wurde irgendwann eingestellt, die Seiten von damals sind nur noch in Archiven zu finden. 'fly.to' macht heute Werbekampagnen und ist kein URL-Kürzer mehr (PSA: vermeidet URL-Kürzer! Das sorgt nur dafür, dass eure Links irgendwann kaputt gehen, so wie dieses Jahr Googles URL-Kürzer). Alles, was noch auf diese Scheibenwelt-Fansite hinweist ist eine gedruckte URL in einem über zwanzig Jahre alten Buch.
Papier überlebt länger als viele Dinge im Web. Vielleicht sollte uns das zu denken geben, wie viel von unserer Gegenwartskultur für die Nachwelt erhalten bleibt. Papier ist geduldig. Digitale Daten sind auf so vielen Ebenen flüchtiger. Denkt daran, wenn ihr irgendwo Daten hinterlegt, von denen ihr wollt, dass sie erhalten bleiben.