Stranger Than Usual

Nicht akzeptabel, nicht in Ordnung

Menschliche Wesen sind ungeheuer anpassungsfähig, und bis zur Mittagszeit hatte sich das Leben um Arthur Dents Haus herum bereits wieder normalisiert. Es war Arthurs allseits anerkannte Rolle, platschend im Matsch zu liegen […]; es war Mr. Prossers allseits anerkannte Rolle, Arthur ab und zu mit neuen Finten zu attackieren […].

Dieses Zitat stammt aus dem bemerkenswerten Buch Per Anhalter durch die Galaxis. Arthur Dent, der Protagonist, liegt vor seinem Haus im Matsch um einen Bulldozer daran zu hindern, sein Haus abzureißen. Eine außergewöhnliche Situation, aber wie das Zitat oben beschreibt, gewöhnen sich alle recht schnell daran.

Worauf will ich hinaus? Wir befinden uns politisch in den letzten Jahren auch in so einer Situation, in der Dinge normal werden, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen sind. Beispielsweise gab es vor einem Jahr noch riesige Demonstrationen gegen die AfD und andere rechte Akteure, weil sie eine Konferenz abgehalten haben, auf der sie die Abschiebung von Millionen von Deutschen forderten, die ihnen in irgendeiner Weise nicht deutsch genug waren. Dieses Jahr forderte Friedrich fucking Merz den Entzug der Staatsbürgerschaft für Straffällige.

Ich möchte hier daran erinnern, dass so etwas nur dadurch, dass es immer wiederholt wird und man sich langsam daran gewöhnt, nicht richtig wird. Und egal wie „normal“ etwas geworden ist, es ist weiterhin nicht aktzeptabel und nicht in Ordnung, z.B.

  • als Spitzenpolitiker Menschen das Demonstrationsrecht abzusprechen
  • als demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt einer rechtsextremen (d.h. demokratiefeindlichen) Partei zu gratulieren, bei der Wahl im Nachbarland zweitstärkste Kraft geworden zu sein
  • der Hitlergruß zu zeigen, schon gar nicht auf einer öffentlichen Veranstaltung und erst recht nicht, wenn man der reichste Mensch der Welt ist
  • Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen
  • die Zerstörung rechtsstaatlicher Institutionen als „Bürokratieabbau“ zu bezeichnen
  • die Existenz von Transmenschen zu leugnen

Das sind nur ein paar Beispiele aus den letzten Tagen. Es ist sehr wichtig, dass wir nicht vergessen, dass so etwas vor Kurzem noch nicht normal war, und dass es nur dadurch, dass es „normal“ geworden ist nicht richtiger oder akzeptabler wird.

Denn was wir hier beobachten ist eine Baseline, die verschoben wird. Das ist jetzt das neue Normal. Wir alle verwechseln „normal“ gerne mit „akzeptabel“ und „in Ordnung“. Gegen diese schleichende Akzeptanz müssen wir kämpfen. Und zwar, indem wir widersprechen, wenn jemand etwas nicht Akzeptables sagt. Indem wir diese neue Baseline zurückweisen, in unserem Kopf, aber auch nach außen hin. Wir lassen uns nicht stillschweigend in eine schlechtere, unmenschlichere und intolerantere Welt verschieben! Wir kämpfen dagegen!

Denn diese shifting baseline kann auch für gute Zwecke eingesetzt werden. Vor zwanzig Jahren waren Transgenderpersonen noch etwas ganz Unnormales. Vor zehn Jahren konnte man erkennen, wie die Gesellschaft langsam anfing, umzudenken. Heute sind Transmenschen normal, auch wenn einige reaktive Elemente versuchen das wieder zurückzudrehen.

Kämpfen wir also, indem wir gute, menschenfreundliche Gedanken laut aussprechen und menschenfeindlichen, demokratiefeindlichen Gedanken offen widersprechen. Sorgen wir dafür, dass wir ein „normal“ haben, in dem wir und wohl und sicher fühlen können!